Innen leben - Außen stehen
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Innen lebendig - Außen beständig.

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Kühe bei Nacht


Laut sich über ihren Zustand empörend, rauben mir Kühe den Schlaf. Sie befinden sich gegenüber meiner Wohnung auf dem Parkplatz des Schlachthofes, in völliger Dunkelheit eingekerkert in einen viel zu engen Transporter. Durch ihre eigenen, zum Teil festgetrockneten, den Raum unweigerlich mit beißendem Gestank erfüllenden Exkremente fühlen sie sich mit dem kalten Metallboden verbunden. Was diesen Untergrund betrifft, kommt den Kühen die bewegungslose Enge sehr zugute, denn hätten sie um sich herum etwas Freiraum, würde der nötige Halt fehlen, der verhindert, dass die Kühe sich bei jeder kleinsten Regung auf eine Schlitterpartie durch ihre selbst produzierten Ausscheidungen begeben müssten. Dieser Vorteil der Beklemmung ist den Tieren in ihrer Situation wahrscheinlich gar nicht bewusst!
Ich höre in regelmäßigen, aber immer kürzer werdenden Abständen Klagerufe, als befänden sie sich in einer unbeabsichtigten Misslage und wollten durch ihr Geblöke auf sich aufmerksam machen, damit man sie umgehend, sich reumütig verbeugend und um Vergebung flehend, aus dieser Situation befreien möge. Das Geblöke besteht in der Regel aus kurzen, stumpfen, hohl klingenden Seufzern, jedoch ist hin und wieder ein verzerrter Angstlaut herauszuhören, ein kurzer Anfall von Verzweiflung, von Wut und Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit. Waren sie möglicherweise in freudiger Erwartung auf ein besseres Leben bereitwillig eingestiegen, so beginnen sie spätestens nun erste Zweifel zu hegen, ob sich denn wirklich eine positive Wendung ereignen sollte. Sich aber noch immer überwiegend im Recht glaubend, muhen sie in die Nacht hinein und warten stetig unruhiger werdend auf baldige Erlösung.
Dass sich das Warten noch etwas in die Länge ziehen wird, können die Kühe aus mangelnder Erfahrung nicht wissen, aber da ich, inzwischen aufrecht, starr im warmen Bette sitzend, dieses Szenario schon des Öfteren miterleben durfte, weiß, was sich gegenüber meiner Wohnung abspielt, kann ich die Vermutung aufstellen, dass die Kühe und ich uns noch mindestens eine Stunde gedulden müssen. Im Schlachthof selbst sind nämlich noch andere, schrillere, aber entschiedene Töne zu vernehmen, die den Kühen wohl unbekannt sein dürften. Zwar könnte man meinen, das Schlachten von Schweinen ginge schneller, da sie ja kleiner sind und man das Fell nicht abziehen muss, aber wie alles andere auch, kann sich das in die Länge ziehen und so müssen die Kühe eben warten, bis sie an der Reihe sind. Dass sie diese Rufe der Mastschweine nicht kennen, sei wohl von großem Vorteil, für sie und auch für den Schlachthof. Wer würde denn nicht in völlige Panik verfallen, wäre er in vollkommener Dunkelheit eingesperrt und würde aus nächster Nähe kommende Todesrufe anderer Lebewesen identifizieren können?
Was nun aber soll ich tun? Mir bliebe noch eine Stunde Zeit, mich anzuziehen, hinüber zu gehen und die Kühe einfühlsam auf ihr Schicksal vorzubereiten, doch wozu die Anstrengung, sie verstehen mich ja doch nicht! Die Verhinderung der Vorbestimmung erachte ich als eine unmögliche und wenn doch möglich, unnötige Unternehmung, denn wohin denn mit den Kühen, woher das Rindfleisch nehmen, nach dem die Leute, die nachts nicht von Sterbensgeschrei geweckt werden, verlangen? Und wo bliebe denn die Gerechtigkeit? In nur wenigen Stunden wird die nächste Lieferung ankommen, ich könnte unter keinen Umständen zwei Lastwagen Kühe innerhalb weniger Stunden befreien. Wohin denn auch mit den ganzen Kühen, ich wohne im vierten Stockwerk, sie bei mir unterzubringen wäre einfach irrsinnig und würde sicherlich im Chaos enden. Ich weiß ja auch gar nicht, wie man Kühe melkt und wie ich einmal las, sterben Kühe, wenn sie nicht regelmäßig gemolken werden. Da kommt doch leicht die Frage auf, wie Kühe denn überhaupt bestehen konnten, bevor es Menschen gab.
Ich jedenfalls habe mich für Ohrenschützer entschieden. Wer weiß, welchen schrecklichen Tod die Kühe in einem anderen Leben hätten erfahren müssen, außer natürlich in Indien. Ja, Indien ist wohl das Land der unerfüllten Träume für Rindsviecher, dort geht es denen besser, als den Menschen. Aber das wissen die Kühe im Transporter gegenüber natürlich nicht.
Ist auch besser so, - sie würden ihr eigenes Schicksal nur noch grausamer finden, wenn sie erführen, dass sie nachher noch nicht direkt ins Paradies geführt werden.


29.5.07 00:06


Differenzierung

Letztens fragte ich eine Freundin nach ihrem Gewicht, worauf sie mir Folgendes zur Antwort gab: „Dass die Menschen immer einen Vergleich brauchen! Was spielt das denn für eine Rolle, wie viel mir die Waage derzeit anzeigt? Mein Gott, du willst dich doch nur in Relation zu mir setzen! Überhaupt fragt man immer nur nach Dingen, die einen anderen betreffen, um sich selbst damit vergleichen zu können. Wenn ein Mann einen anderen nach dessen Beruf fragt und jener stolz verkündet, Chirurg zu sein und der Fragende selbst aber Chefarzt ist, so stellt der Chefarzt den Chirurgen unter sich, fühlt sich überlegen, ist stolz. Wenn du mich fragst, wie viel ich wiege und ich dir sage, ich wiege 66 kg, du aber wiegst nur 56 kg, dann fühlst du dich besser, weil du meinst, schlanker als ich zu sein. Dabei vergisst du jedoch, dass ich mindestens 8 cm größer bin, zudem eine schönere, pralle Oberweite aufweisen kann und auch im Gesamten eine sehr viel ansehnlichere Figur habe, als du. Aber das siehst du nicht, nein, für dich zählt nur, dass ich mehr wiege, also dicker bin und also denkst du, du seiest schöner!“ – Ich war verblüfft, fühlte mich ertappt durch ihre Offenheit. Ich reagierte, indem ich den Blick, der zuvor auf ihr haftete, in auffallendem Bogen auf den mit Krümeln und Sahneresten dekorierten Teller vor mir richtete und dann zurückschleifen ließ bis zu der kleinen Obstschale, in der sie schon seit zehn Minuten herumstocherte. Und da wurde mir bewusst, dass ich mich gar nicht ertappt fühlen brauchte. Sie schien sich zu schämen, als sie bemerkte, dass ich sie durchschaut hatte, hielt ihren sich selbst verteidigenden Ausdruck jedoch noch immer konstant. Ich wog ab und kam zu dem Entschluss, ihr kleines Spielchen mitzuspielen und so saßen wir noch etwa zwei Stunden beisammen, sie tat weiterhin, als sei sie mit sich zufrieden, ich ignorierte ihre heimlichen neidischen Blicke, wenn ich mir einen weiteren Keks aus der Dose zwischen uns nahm und freute mich insgeheim darüber, dass sie mich auf 56 kg schätzte, wo ich doch 59 wiege.
28.5.07 19:41





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